Ich habe keine Zeit um krank zu sein, ich muss arbeiten

Falsche Tapferkeit zahlt sich nicht aus. Mit einer chronischen Erkrankung verliert man häufig das Verhältnis zum krank sein.

Ich habe es jetzt wieder am eigenen Leibe erlebt. Wochenlang fühlte ich mich nicht gut. Ich habe aber weiter gearbeitet. Das gehört ja zu meiner Grunderkrankung, es gibt immer mal wieder schlechte Tage, das geht bestimmt bald wieder… Nach 2 Monaten ging es leider nicht besser, aber es war immer noch nicht „schlimm“ genug, um die Notbremse zu ziehen.

Kennt ihr das Gefühl? Ich habe mich recht gut mit den Symptomen arrangiert, sodass ich manchmal, wenn ich dann so im Trott bin gar nicht sehe oder wahrscheinlich eher sehen möchte, dass es schlimmer geworden ist und es aller höchste Eisenbahn ist mal wieder achtsamer mit sich umzugehen.

Manchmal reicht es dann ein paar Tage wieder die Ernährung auf „super brav“ umzustellen, die Freizeit komplett mit Erholung auszufüllen und sich bei der Arbeit nicht einem nach dem anderen Termin reinzuhauen. Aber manchmal muss man sich überwinden und sich auch von der Arbeit erholen.

Also ab zum Arzt und eine Krankmeldung holen, so blöd man es selbst auch findet.

Krankfeiern… ich hasse dieses Wort.

Das ist nun echt kein Fest und Grund für Jubelschreie. Aber leider gibt es immer noch die Verkrümmeler, die sich krankschreiben lassen aufgrund von akuter Demotivation. Unter den dadurch entstehenden Vorurteilen leiden dann die Mitarbeiter, denen es wirklich schlecht geht.

Manchmal ist dann das schlechte Gewissen so groß, dass man sich zur Arbeit schleppt, obwohl der Arzt einem geraten hatte, sich eine Auszeit zu nehmen und sich zu schonen.

Häufig plagt einen dann nämlich leider noch die Angst seinen Job zu verlieren oder sich seine Zukunft durch eine weitere Krankschreibung zu verbauen – besonders dann, wenn man unter einer chronischen Erkrankung leidet und es häufiger zu Ausfällen kommt.

Sich trotzdem durch den Tag zu quälen ist aber eher kontraproduktiv. Denn zum einen bringt man nicht die Leistung, die von Einem erwartet wird, was den Stress dann noch erhöht und zum anderen wird es ja meist noch schlimmer durch das Durchschleppen und sorgt ggf. dazu, dass man schlussendlich nochmal länger ausfällt, weil man seine Körpersignale derart versucht hat zu ignorieren.

In der Tat sind die Kosten, die der deutschen Wirtschaft durch kranke, aber trotzdem arbeitende Mitarbeiter entstehen, enorm – höher noch als die Kosten der „Krankfeierer“. Laut Schätzungen unterschiedlicher wissenschaftlicher Institute sind die finanziellen Ausfälle drei- bis siebenmal so groß und gehen in die Millionen. (das habe ich aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung  von Julia Bönisch (17.05.2010))

Abgesehen von der moralischen Komponente gäbe es also für Personalabteilungen auch handfeste betriebswirtschaftliche Argumente, kranke Mitarbeiter nicht unter Druck zu setzen.

Naja, aber das hilft manchmal nicht das zu wissen. Es kommt immer ganz stark darauf an wie man selbst tickt und wie der Arbeitgeber so tickt.

Ich persönlich habe unglaubliches Glück einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber zu haben. Nichtsdestotrotz bin ich diejenige, die sich da unglaublichen Stress macht. Obwohl ich weiß, dass es vollkommen daneben ist und es letztendlich vernünftiger wäre sich die Auszeit zu nehmen und dann wieder fit an Board zu kommen.

Da tut es gut es von Freunden widergespiegelt zu bekommen, dass es jetzt mal an der Zeit ist sich selbst einzugestehen den ungeliebten gelben Schein zu holen.

Hat man sich dann überwunden, dann kommt kurz danach die Erleichterung. Nach der Erleichterung kommt dann das schlechte Gewissen, weil man nach ein paar Stunden denkt: ach, so schlimm ist es ja gar nicht. Aber dann…Häufig merke ich dann 1-2 Tage später, wenn der emotionale Stress sich legt, dass dann erstmal alle Dämme brechen… die Symptome werden stärker, der Körper schwächer und ich sehe ein, dass es genau die richtige Entscheidung war.

Solange ich mich so richtig schön dreckig fühle gibt es daran auch keinen Zweifel. Aber wehe es geht mir etwas besser, dann kommt bei mir häufig wieder dieses schlechte Gewissen.

Vor allem, wenn man schon länger „out of order“ ist, dann kommt noch dieses dumme Gefühl dazu…

Ich bin noch nicht gesund und fühle mich noch schlecht, aber ich muss jetzt echt mal wieder ran an die Arbeit!

Total bescheuert. Ich weiß wie bescheuert das ist, aber diese Gefühle kommen dann bei mir hoch.

Ich versuche mich dann aber zu besinnen und denke darüber nach, dass es mir vielleicht ein bisschen besser geht, aber ich noch nicht fit genug bin einen ganzen Tag durchzustehen. Nur, weil ich es schaffe 4 Stunden am Stück wach zu sein, mich nicht mehr am Boden wälze vor Krämpfe oder mein Essen in mir behalte, heißt das noch lang nicht, dass ich wieder arbeitsfähig bin.

Dann kommt wieder dieser blöde Gedanke: Aber ich darf jetzt auch nicht drauf warten, dass ich richtig fit bin,… dann kann ich ja lange warten! Das hatte ich ja seit Jahren nicht.

Vollkommen bescheuert dieser Gedanke, solange ich es nicht schaffe mal konditionell ein paar Stunden auf den Beinen zu sein.

Mit der Zeit habe ich einiges dazu gelernt und begebe mich nicht leichtsinnig in eine Überbelastung. Ich bin stärker, um auch mal die Schwäche zuzugeben.

Aber nichts desto trotz fällt es mir jedes Mal schwer einzugestehen, dass ich eine AU benötige. Denn zum einen, weil ich es selbst so unglaublich blöd finde und zum anderen, weil ich gern arbeite und keine Lust habe, dass schlecht über mich gedacht oder meine Anstellung in Frage gestellt wird.

In solchen Momenten stelle ich mir dann selbst Fragen, um die Situation möglichst objektiv bewerten zu können. Und das hilft wirklich. Manchmal muss man es nur nochmal hören, sei es durch sich selbst oder durch jemand anderen.

Diese bescheuerten Gefühle sind ja wirklich sehr ehrenhaft, aber bringen Dich nicht weiter. Meist wissen die Kollegen gar nicht wie dreckig es einem teilweise geht, weil man es ja nicht ständig raushängen lässt.

Das macht es einem manchmal schwer dann die Kraft zu haben die Hand zu heben und zu sagen, dass man eine Auszeit braucht.

Ich sag Euch eins, ich habe es noch nie bereut mich krankschreiben zu lassen. Jedes Mal kam die Einsicht, dass es genau richtig war und manchmal sogar die Einsicht, dass ich hätte viel früher diesen Schritt hätte gehen müssen.

Manchmal reißen wir uns einfach zu sehr zusammen, das ist auf Dauer nicht gut. Denn egal wie pflichtbewusst wir meinen sein zu müssen, das hilft uns allen nicht, wenn wir uns durch dieses Durchschleppen langfristig eher noch schaden.

Ich wünsche Euch ganz viel Stärke zu erkennen, wenn ihr eine Auszeit braucht und Euch diese auch nehmt ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

4 Gedanken zu “Ich habe keine Zeit um krank zu sein, ich muss arbeiten

  1. Ich verstehe dich zu gut, ich habe ja Reizdarm (nicht so stark ausgeprägt wie dein Morbus Crohn), aber dennoch ich habe mich jeden Tag und Krämpfen und Blähungen in dieSchule geschleppt, habe meinen Nebenjob gemacht, hatte Therapie und fürs Abitur gelernt. Das erste Jahr war ich so fertig, dass sich regelmäßig im Unterricht eingeschlafen bin. Tja und dann gab es die Kandidaten, die wegen bloßen Hustens zu Haus blieben. Ich hasse solche Menschen und gleichzeitig weiß ich, dass man wenn man krank st krank sein sollte und es nicht verschleppt…

    Wünsche dir dennoch gute Besserung!

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  2. O wie ich das kenne, bin zur Zeit auch in der 8 Woche krank, nach so langer Auszeit kommen dann auch noch finanzielle Sorgen mit dazu, denn das Krankengeld fällt nicht gerade üppig aus.

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