Wie sich mein Berufsleben durch den Crohn veränderte

Ich hatte einen Plan: mein Studium beenden, in einer Unternehmensberatung ein paar Jahre in spannenden Projekten an unterschiedlichen Orten mit herausfordernden Themen arbeiten, die Karriereleiter erklimmen, dann in ruhigere Gewässer wechseln und offen für die Familienplanung sein. Aber wie das mit Plänen so ist: Sie müssen häufiger an unvorhersehbare Geschehnisse angepasst werden. So auch bei mir: Im Sommer 2012 fuhr ich nach Abschluss meines Studiums frohen Mutes und mit Aussicht auf einen Arbeitsplatz bei einem Unternehmen für IT- und Prozessberatung zurück in die Heimat. Doch die Freude wurde von meinem Gesundheitszustand gedämpft. Noch in dieser Nacht überkamen mich starke Durchfälle und ich verließ etwa zwei Tage das Badezimmer nicht.

Zugegeben, es war nicht das erste Mal, dass ich Probleme mit dem Bauch hatte. Schon Jahre zuvor war es meine Schwachstelle. Zahlreiche Arztbesuche und auch Klinikaufenthalte wegen stärkerer Bauchschmerzen und Verdauungsstörungen blieben jedoch immer ohne Erkenntnis. Doch so heftig wie an diesen Tagen war es nie zuvor. Entkräftet und verunsichert ließ ich mich von meiner Mutter zum Hausarzt meiner Eltern bringen. Dieser äußerte direkt den Verdacht auf eine CED. Es wurde zeitnah ein Termin zur Koloskopie vereinbart, und die Diagnose Morbus Crohn bestätigte sich. Ich fühlte mich wie in einem Film. So richtig realisierte ich diese neue Situation in den ersten Wochen gar nicht. Zuvor war ich ja immer nur mal ein paar Tage krank gewesen. Die Zeit verging, und ich musste meinen Start ins Arbeitsleben von Oktober auf Januar verschieben.

Voller Tatendrang und Hoffnung trat ich im neuen Jahr dann endlich meinen Job als IT-Beraterin an. Ich gab mein Bestes – ungeachtet mehrerer Schwächeanfälle, starker Schmerzen und Durchfälle. Ich hatte mir so sehr vorgenommen, diesen Job zu machen, und wollte ihn nicht verlieren. Besonders die Reiserei und die taffen Arbeitszeiten ließen mich mehrmals über meine Grenzen hinausgehen. Die Signale meines Körpers habe ich einfach ignoriert. Wenn mir im Auto im Stau schlecht wurde: Autotür auf, übergeben, Mund abgewischt, einen Schluck getrunken, weiter. Wenn ich im Hotel vor Schwäche umgekippt bin: kurz kaltes Wasser in den Nacken, Tablette eingeworfen, ins Kostümchen geschmissen, auf zum Kunden. Ich wollte nicht wahrhaben, wie es mir wirklich ging. Irgendwann waren meine Schmerzen dann so schlimm, dass ich mich krankmelden musste. Von meinen Projekten wurde ich abgezogen. Ich spielte mit offenen Karten: Meinem damaligen Chef berichtete ich von der Erkrankung und davon, dass nicht abzusehen ist, wann ich wieder einsetzbar bin. Ich bekam das Angebot, zunächst intern anstatt direkt beim Kunden vor Ort zu arbeiten.

 

Mir wurde langsam bewusst, dass ich mich mit dieser Erkrankung auseinandersetzen muss. Ein Wegdrängen oder Ignorieren erwies sich als unsinnig und gefährlich. Ich fiel in eine kurze Depression: Ich hatte Angst vor der Zukunft, Ekel vorm Essen, ich konnte mit meiner Schwäche nicht umgehen und fühlte mich selbst überhaupt nicht mehr wohl in meiner Haut. Das war der Punkt, an dem ich beschloss, mir Hilfe zu suchen. Eine Psychotherapeutin half mir, die Krankheit zu akzeptieren und mit ihren Einschränkungen besser umzugehen. Durch die Therapie wurde ich gelassener und konnte meinen sehr hohen Selbstanspruch besser an meinen Gesundheitszustand anpassen. Ich lernte, achtsamer mit den Körpersignalen umzugehen und sie zu verstehen. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gegangen bin und mich in dieser schweren Phase habe unterstützen lassen. Der offene Umgang und die Auseinandersetzung mit der Erkrankung haben es mir im privaten als auch im beruflichen Umfeld leichter gemacht.


Beruf und CED: Anpassungen am Arbeitsplatz

Nach einem weiteren Versuch, in das Beratungsgeschäft einzusteigen, musste ich einsehen, dass dieser Beruf und die damit einhergehende Belastung zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige war. Ich war immer wieder enttäuscht von mir, musste andere Leute enttäuschen, und so kam schnell Frustration auf. Es folgte eine lange Zeit mit Krankschreibungen, Klinikaufenthalten und einer Reha, bis ich langsam die Mischung aus Medikamenten hatte, die mir gut zu tun schien. In dieser Zeit habe ich auch einen großen Schritt hin zur Akzeptanz der Erkrankung getan und einen neuen Alltag gefunden. Mittlerweile arbeite ich mit einer 70 %-Stelle noch im selben Unternehmen, jedoch in einer internen Abteilung. Ich habe das große Glück, einen verständnisvollen Arbeitgeber zu haben. Meine Offenheit hat sich ausgezahlt. Mit der reduzierten Arbeitszeit fahre ich sehr gut. Ich fordere mich, ohne meine körperlichen Grenzen zu überschreiten. Ich habe einen Job, der mich inhaltlich erfüllt und mir guttut. In den Nachmittagsstunden und an den Wochenenden kann ich Kraft sammeln. Klar gibt es Tage, an denen mir die Arbeit schwerfällt, aber es gibt auch Tage, an denen ich nach der Arbeit sogar noch Energie habe, mich zu verabreden. Und das sind genau die Glücksstunden, die gegen die Rückschläge wappnen, die wir als CEDler häufiger erleben müssen.

Der offene Umgang meinen Kollegen gegenüber hat mir geholfen, mich selbst nicht so unter Druck zu setzen. Natürlich erzähle ich nicht allen im Detail, wie es mir täglich geht. Aber die Aufklärung, dass ich Morbus Crohn habe, erleichtert mir einiges sehr: Ich muss mich nicht doof fühlen, meinen Brei auszupacken, wenn die Kollegen sich Pizza bestellen. Ich muss nicht erklären, warum ich im Büro bleibe, wenn die anderen zum Essen rausfahren, oder wenn ich mitfahre und mir nur ein Getränk bestelle. Ich muss keine blöden Sprüche fürchten, wenn ich mal spontan im Meeting aufstehe und zur Toilette flüchte.

Mein Plan sah anders aus. Hätte ich aber verbissen daran festgehalten, wäre ich längst noch nicht so weit, wie ich es jetzt bin. Ich bin froh darüber, dass ich mich aktiv mit der Erkrankung auseinandergesetzt habe und in meinem sozialen und beruflichen Umfeld offen damit umgegangen bin. Mittlerweile geht es mir vielleicht körperlich gar nicht immer besser, aber ich empfinde es so. Denn ich habe gelernt, mit dem Morbus Crohn umzugehen. Ich genieße die schönen Momente intensiver, freue mich selbst über kleinste Erfolge und duelliere nicht mehr mit meinem alten, fitteren Ich. Mein neuer Plan ist: Aufstehen, wenn der Morbus Crohn mich wieder umhauen sollte, und das Beste draus machen!

Ich habe aktiv an meiner Krankheitsbewältigung gearbeitet und bin offen mit der Erkrankung am Arbeitsplatz umgegangen.

So konnte ich meinen eigenen beruflichen Weg mit dem Morbus Crohn finden. Die Entscheidung, wie offen am Arbeitsplatz mit der CED umgegangen wird, sollte immer abhängig von der persönlichen Situation getroffen werden. Dabei sollten die Vor- und möglichen Nachteile bedacht werden.

Viele weitere Tipps und Anregungen für den Beruf mit CED findet ihr auch unter: Leben mit CED.

Ein Gedanke zu “Wie sich mein Berufsleben durch den Crohn veränderte

  1. Zu deiner bewundernswerten Offenheit kann ich dir nur gratulieren! Ich habe für mich auch herausgefunden, dass der Alltag mit (m)einer chronischen Krankheit entspannter ist, wenn ich offen damit umgehen. Dann kann ich authentisch sein und bin nicht noch zusätzlich gestresst, wenn es mir ohnehin schon schlecht geht und ich noch das Gefühl habe, mich deswegen verstecken zu müssen.

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